Obwohl der Alkoholkonsum in Deutschland in den letzten Jahrzehnten – sicherlich als Wohlstandsfolge – wieder zunimmt, war er doch in vergangenen Jahrhunderten – damals eher der großen Armut vieler Menschen geschuldet - deutlich stärker als heute. Dennoch blieb die darstellende Kunst weithin frei von Abbildungen geschädigter Kinder. Tatsächlich war die Kunst früherer Jahrhunderte bewegt von einem Schönheitsideal, das auch Kinderbilder umfasste. Dargestellt wurden „schöne“ Kinder, gesund, vital, propper. Die Darstellung kranker Menschen blieb der Allegorie vorbehalten. Dieser Blick allein auf den schönen Menschen änderte sich im 19. Jahrhundert. Mit Vorrläufern in der Barockzeit entstand im 19. Jahrhundert die „Karikatur“ als Kunstform. Ihr erster Großmeister, Wilhelm Busch, wollte auch „realistische“ Kinder zeigen, und es ist nicht verwunderlich, dass er zuallererst ein Kind mit FAS präsentierte. Eines von vielen betroffenen Kindern, denen Busch in seinem Leben in Dorf und Stadt so oft begegnete.

Bereits im Jahr 1865 entstand das erste „Bildnis“ eines Jungen mit FAS. Wilhelm Busch schrieb die Geschichte von „Max und Moritz“, den beiden delinquenten Knaben, deren dissoziales Verhalten (nicht nur) für Heiterkeit sorgte. Links im Bild oben sehen wir den leicht adipösen Max, rechts im Bild Moritz, einen Jungen mit allen fazialen Anzeichen von FAS. Auffallend sind die kleineren Augen mit den schmalen Lidspalten, die aufgeworfene Nase mit dem verkürzten Rücken, das verlängerte Philtrum und das schmale Oberlippenrot. Unten ist Moritz (links) im Profil dokumentiert, die verkürzte Nase, der kaum modulierte Mund (fehlender Lippenwulst) und die schwache Kinnpartie fallen auf.

Das Profil von Moritz

Wilhelm Busch beschreibt die Delikte von Max und Moritz, wobei er zwischen dem aktiven Handeln von Max und dem Mitläufertum von Moritz bereits gut zu unterscheiden wusste. Zu dem Hühnerdiebstahl unten im Bild schreibt Busch: „Max hat schon mit Vorbedacht eine Angel mitgebracht.“ Max, nicht Moritz, handelt mit Vorbedacht. Moritz plant sein Handeln nicht. Vielmehr lässt er sich vom umtriebigen Max zum Mitmachen verleiten. Moritz ist sichtlich erfreut, dass Max ihn mitnimmt und er bei dem Streich „dabei sein“ darf.

Auch bei anderen Streichen, die sich Max ausdenkt, darf Moritz mittun. Und wieder freut er sich riesig, dem Max hinterher laufen zu dürfen und am Streich Teil zuhaben. Dabei denkt Moritz sicherlich nicht darüber nach, welche Konsequenzen sein Verhalten für ihn selbst oder für andere haben wird.


Wie andere Kinder mit FAS, gelingt es Moritz nicht gut, seine Freizeit selbst zu gestalten. Er folgt anderen Kindern und macht mit, was die anderen vorschlagen. Sagt Max: „Wenn Du mein Freund sein willst, musst Du mit mir Brezeln klauen!“ dann wird Moritz meist folgen, ja sogar stolz darauf sein. In dem Bemühen, anderen Kindern nach zu laufen und mit zu bekommen, was sie tun, hängen sich Kinder mit FAS nicht selten wortwörtlich an die „Rockschöße“ der aktiven Kinder. Wilhelm Busch hat auch das genau beobachtet und dokumentiert (unten).

Weithin bekannt ist das weitere Schicksal von Max und Moritz. Beide trifft die gleiche Strafe (deren pädagogischer Sinn umstritten ist). Moritz allerdings hat bei allen Streichen sicherlich nicht verstanden, dass er unrecht handelt oder nur, dass er als Mitläufer `genutzt´ wird. Weil aber das Verhalten von Kindern mit FAS oft aussieht, als sei eine `böse´ Absicht darin und weil bei ihnen Lob oder Mahnung meist keine Änderung des Verhaltens bewirken, werden Kinder mit FAS von Menschen, die die Erkrankung nicht kennen, oft harsch kritisiert oder bestraft. Da die Kinder und Jugendlichen mit FAS aber aus Konsequenzen nicht gut lernen können, gehen die Bestrafungen ins Leere. Gute Betreuung und Anleitung - z.B. in Pflegefamilien, bei Adoptiveltern oder in geeigneten Einrichtungen - sind vielmehr notwendig, damit die jungen Menschen mit FAS vor fremdem Missbrauch und (stets ungewollten) Gesetzeskonflikten beschützt bleiben.

Schön umgesetzt wurde die Geschichte von Moritz nun auch in der Zeitschrift für Praktische Augenheilkunde (Ärztliche Fortbildung im Heft 1/2011):